Im Namen der Stadt Schaffhausen begrüsse ich Sie ganz herzlich zu unserer Gedenkfeier 75 Jahre Bombardierung hier in der protestantischen Stadtkirche Steig.

Wir haben uns hier versammelt, um der dramatischen Ereignisse zu gedenken, welche unsere Stadt vor 75 Jahren schwer erschüttert haben.

Am Samstag, 1. April 1944, vormittags, 10.39 Uhr, heulten die Sirenen in unserer Stadt und signalisierten der Bevölkerung einen Fliegeralarm.

Am Himmel tauchten nacheinander drei US-Flugzeuggeschwader à 20 bis 24 Maschinen auf, welche die Stadt überflogen.

Die Staffeln gehörten zu einer Bomberdivision, die in Südengland gestartet war, um Ludwigshafen zu bombardieren, wo die IG Farben Giftgas für die Konzentrationslager produzierte.

Ludwigshafen liegt wie Schaffhausen am Rhein, doch 200 Kilometer entfernt.

Nach 5 Jahren Krieg ennet der Grenze und mehreren Hundert Fliegeralarmen, die keine Folgen für Schaffhausen hatten, schreckte derjenige vom 1. April 1944 kaum mehr jemanden auf.

Viel zu wenige Menschen begaben sich umgehend in die Luftschutzkeller. Das war verhängnisvoll, denn dieses Mal galt es wirklich ernst.

Knappe 10 Minuten nachdem der Alarm ausgelöst wurde, fielen die ersten Brand- und Sprengbomben.

Insgesamt wurden kurz vor 11 Uhr innert 40 Sekunden 378 Bombeneinschläge in der Stadt registriert.

Sie brachten Zerstörung, Tod und Leid. 40 Menschen – 29 Männer, 9 Frauen und 2 Kinder – verloren ihr Leben, 271 Personen wurden verletzt.

Über 50 Brände wüteten in der Stadt.

560 Gebäude wurden von den Bomben beschädigt, davon 65 völlig zerstört. Darunter befanden sich auch städtische Liegenschaften wie die Kunstabteilung des Museums zu Allerheiligen, das Naturhistorische Museum am Herrenacker oder die Steigkirche.

Es ist also kein Zufall, dass wir dieses schicksalhafte Ereignis heute hier in dieser Kirche begehen.

Die Schilderungen von Zeitzeugen und die Fotos der Ausstellung

«Bomben auf Schaffhausen» im Museum zum Zeughaus, die wir im Anschluss an diese Gedenkfeier besuchen werden, zeigen das ganze Ausmass dieses Infernos.

Es ist rückblickend äusserst beeindruckend, wie professionell organisiert, wie schnell und wirkungsvoll unsere Vorfahren auf dieses Bombardement reagiert haben.

Unter der Leitung des legendären Stadtpräsidenten Walther Bringolf und zusammen mit unterstützenden Organisationen, auch vom Bund und aus benachbarten Orten, bekamen sie die Lage in kurzer Zeit in den Griff.

Die Bevölkerung hat unglaublich ruhig und besonnen sofort Hand angelegt und geholfen.

Bereits um 14.00 Uhr, also drei Stunden nach den Bombeneinschlägen, waren alle Brände unter Kontrolle, die Toten geborgen und die Verletzten in den Spitälern sowie in Sanitätshilfsstellen eingeliefert.

Die schwerwiegenden Folgen dieses Dramas wurden vorbildlich gemanagt und dies, obwohl die politische Situation in unserer Stadt damals sehr angespannt war.

Trotzdem standen in der Not alle zusammen um zu helfen: Stadtrat und Grosser Stadtrat handelten schnell und unbürokratisch.

Das ermöglichte wichtige Hilfe für die 500 Obdachlosen und die rund 1’000 Menschen, die ihre Arbeitsplätze verloren hatten.

Auch den Wiederaufbau brachten die verantwortlichen Behörden zusammen mit den betroffenen privaten Eigentümern rasch voran.

Diese grossartige Leistung unserer Vorfahren verdient heute Dank, Respekt und Anerkennung.

Dank gebührt aber auch allen, die sich damals solidarisch mit unserer Stadt zeigten.

Und das waren viele, die an dieser Stelle nicht alle aufgezählt werden können.

Erwähnt werden muss natürlich die USA, für die sich Präsident Roosvelt umgehend beim Stadtrat und der Schaffhauser Bevölkerung für die irrtümliche Bombardierung entschuldigte.

Der grösste Teil des Schadens konnte durch die amerikanischen Reparationszahlungen gedeckt werden.

Auch der Bund, viele Kantone, Städte, Gemeinden und Privatpersonen aus der ganzen Schweiz haben Schaffhausen finanzielle Beiträge und Naturalspenden zukommen lassen.

Dazu gehörten auch zahlreiche Kunstwerke für die zerstörte Kunstsammlung des städtischen Museums zu Allerheiligen.

Rund 80 der Werke dieser Kulturspenden werden in unserem Museum vom 18. Mai bis 20. Oktober erstmals in einer grossen Sonderausstellung mit dem Titel «Kunst aus Trümmern» präsentiert.

Unsere Vorfahren haben vor 75 Jahren am eigenen Leib erlebt, was es heisst, von Krieg direkt betroffen zu sein.

Eine Erfahrung, die in Westeuropa seither zum Glück niemand mehr machen musste. Das ist aber überhaupt nicht selbstverständlich.

2017 wurden weltweit 20 Kriege und mehrere hundert bewaffnete Auseinandersetzungen registriert.

Immer noch leiden Millionen Menschen unter den Auswirkungen bewaffneter Konflikte.

Wir erleben das über erschütternde Bilder in den Medien und über die persönlichen Schicksale von Flüchtlingen, die bei uns Schutz suchen.

In Westeuropa hat sich aus den Trümmern des 2. Weltkrieges das Erfolgsmodell des demokratischen und sozialen Rechtsstaats entwickelt, das uns in den vergangenen Jahrzehnten Frieden und Wohlstand gebracht hat.

Eine ganz wichtige Rolle spielte dabei auch das Zusammenrücken der europäischen Staaten in der Europäischen Union, dem wichtigsten Friedensprojekt unseres Kontinents.

Leider erstarken aber zurzeit nicht nur in Europa wieder nationalistische, fremdenfeindliche und antisemitische Kräfte.

Zudem werden internationale Abrüstungsübereinkommen und multilaterale Organisationen politisch in Frage gestellt.

Umso wichtiger ist es heute, uns die schrecklichen Folgen des 2. Weltkriegs in Erinnerung zu rufen, auch die dramatischen Ereignisse des 1. Aprils 1944 in Schaffhausen.

Denn wie sagte es doch der ehemalige deutsche Bundeskanzler Willy Brandt so treffend: «Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.»

Ansprache zum Gedenkanlass 75 Jahre Bombardierung vom 01.04.2019 in der Steigkirche zusammen mit Stadtweibelin Laila Schlick