Rede zur Sonderausstellung Heimschaffung von Internierten 1914 - 1917 im Museum im Zeughaus, gehalten vor dem Franzosendenkmal in der Fäsenstaub Promenade am 01.07.2017

Hier in der äusseren Fäsenstaubpromenade stehen wir vor einem schlichten Denkmal aus Stein, das 1922 vom Pariser Künstler Paul Landowski geschaffen worden ist. Von ihm stammt übrigens auch die berühmte Christusstatue von Rio de Janeiro. SH und Rio haben also Gemeinsamkeiten!

Von der Öffentlichkeit kaum beachtet, hat es sich während Jahren in einem desolaten Zustand befunden. Diesen Frühling ist es nun aber von der Stadtgärtnerei gesäubert und restauriert worden.
Es erzählt von der Not vieler französischer Internierter und Evakuierter während des 1. Weltkrieges und vom aufopferungsvollen Versuch der Schaffhauser Bevölkerung, diese Not zu lindern.

Heute noch sind wir erschüttert, wenn wir in den Berichten von Noelle Roger oder Pfarrer Nagel über die Heimschaffung der französischen Zivilinternierten während des 1. Weltkrieges lesen. Unsägliches Leid ist diesen Menschen in den Monaten zuvor widerfahren, bevor sie in Schaffhausen in einem erbarmenswerten Zustand und oftmals gesundheitlich schwer angeschlagen, wieder von Krieg verschonten Boden haben betreten dürfen, um später via Genf in ihre Heimat zurückzukehren.

Schaffhausen war die erste Station, wo den rund 286'000 französischen, mit dem Zug transportierten Evakuierten Verpflegung und Versorgung angeboten worden ist. Diese Menschen - vor allem Alte, Frauen und Kinder - sind in Deutschland und Österreich interniert gewesen. Dank einem Abkommen des Bundesrates konnten sie über die Schweiz nach Frankreich evakuiert werden.

Um diese herausfordernde Aufgabe zu bewältigen, ist in unserer Stadt innert Kürze ein Komitee aus dem Boden gestampft worden. Es wurde angeführt vom damaligen Stadtpräsidenten Carl Spahn und dem Unternehmer Henri Moser, dem Sohn des Industriepioniers Heinrich Moser. Bei der Organisation sind sie von Polizeisekretär Fritz Maurer unterstützt worden. Viele freiwillige Helfer meldeten sich innerhalb kurzer Zeit. Insgesamt sollen rund 150 Freiwillige im Einsatz gewesen sein.

Pfarrer Nagel schrieb: «In Schaffhausen wurde ihnen die erste freundliche Hand entgegengestreckt; in Schaffhausen fiel der erste lichte Sonnenstrahl in das Dunkel ihres Elendes hinein; in Schaffhausen traf ihr Ohr der erste Laut in ihrer Muttersprache. Jeder Einzelne war hier Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit und besonderer Fürsorge. Behörden und Bevölkerung wetteiferten in unermüdlicher Opferfreudigkeit».
Die Schaffhauserinnen und Schaffhauser haben den Aufenthalt der Züge in der Grenzstadt genutzt, um die durchreisenden Franzosen zu verpflegen und zu bekleiden, sie ärztlich versorgen zu lassen und ihnen vor allem mit einigen Worten, stillem Zuhören oder einfach mit freundlichen Blicken ein Gefühl der Solidarität, des Mitleidens zu vermitteln.

Die Betroffenen haben die in diesem Ausmass überhaupt nicht selbstverständlichen Wohltaten sehr zu schätzen gewusst. Der französische Botschafter Beau in Bern ist des Öfteren in die Munotstadt gekommen, um mit seinen Landsleuten, aber auch mit ihren Schaffhauser Betreuerinnen und Betreuer zu sprechen. Nicht selten erhielten diese Dankesbriefe, einmal gar von der Schuljugend der Stadt Verdun Bonbons zum Verteilen: je drei für die kleinen, je zwei für die grösseren Kinder... Im Kriegsjahr 1915 ist das zweifellos eine sehr vielsagende Dankesgeste gewesen!

Die französische Presse hat immer wieder sehr positiv über das humanitäre Verhalten der Bevölkerung im neutralen Schaffhausen berichtet. Ehrungen und Würdigungen im eigentlichen Sinne sind aber erst gegen Ende des Krieges und vor allem nach seinem Abschluss möglich gewesen.

Polizeisekretär Fritz Maurer, der am 30. Juli 1917 zum Stadtschreiber gewählt worden ist, machte sich als unermüdlicher Geschäftsleiter der Etappenkommission beziehungsweise des Heimschaffungskomitees einen Namen und wurde am 1. Juni 1917 vom französischen Botschafter der Orden der Ehrenlegion verliehen.

Die Stadt Schaffhausen hat am 19. November 1919 vom französischen Staat die «medaille de vermeil de la reconnaissance» verliehen erhalten (Dankesmedaille «Erster Klasse» aus vergoldetem Silber).
Am 2. Juli 1922 ist hier in der äusseren Fäsenstaubpromenade im Beisein hoher französischer Würdenträger das von Paul Landowski geschaffene Denkmal eingeweiht worden. Es ist auf private Initiative hin von einem «Comite de Patronage pour l'Erection du Monument de Schaffhouse» gestiftet worden und trägt folgende Inschrift:
A LA SUISSE CONSOLATRICE ' LA FRANCE RECONNAISSANTE 1914-1918. EN TEMOIGNAGE DE PARTICULIERE GRATITUDE CE MONUMENT A ETE REMIS A LA VILLE DE SCHAFFHOUSE.
(Der Trost spendenden Schweiz * das dankbare Frankreich 1914-1918. Als Beweis besonderer Dankbarkeit wurde dieses Denkmal der Stadt Schaffhausen übergeben).

Das Denkmal im Promenadenpark erschliesst sich nicht gleich auf den ersten Blick. Weit hinten, zwischen Bäumen ist es am 2. Juli 1922 errichtet worden. Durch seine 4.2 Meter Höhe erzielt es eine eindrückliche Wirkung. Symbolisch sollen die drei Personen darstellen, wie die Schweiz eine französische Frau und einen Buben tröstend und unterstützend in deren Heimat begleiten.

Es ist hier also der Ort zu erinnern, welch unsägliches Leid der damaligen französischen Zivilbevölkerung widerfahren ist - gleichzeitig erinnern wir uns dankbar an die grosse menschliche Leistung unserer Vorfahren, die sich damals selbstlos in den Dienst der Humanität gestellt hatten.

Leider gibt es auch mehr als 100 Jahre nach dieser berührenden Geschichte weltweit immer noch viel zu viele Kriegsflüchtlinge. Gemäss dem UNO-Hochkomissariat für Flüchtlinge sind es über 65 Mio. Die Zahl derer, die in andere Länder fliehen mussten, erreichte Ende 2016 mit 22,5 Mio. Menschen einen neuen Rekord. Davon stammen allein 5.5 Mio. aus Syrien.

Auch wir in Schaffhausen sind vor noch nicht allzu langer Zeit damit konfrontiert worden: Im November/Dezember 2015 sind 180 vorwiegend syrische Kriegsflüchtlinge vom Bund vorübergehend in Schaffhausen und Wilchingen in Zivilschutzanlagen platziert worden. Die Schaffhauser Bevölkerung hat damals im Kleinen nahtlos an die grosse Anteilnahme und Hilfsbereitschaft in unserer Stadt im 1. Weltkrieg gegenüber den französischen Deportierten angeknüpft. Auch wenn die wirtschaftliche Situation unserer Bevölkerung heute nicht mehr mit derjenigen im 1. Weltkrieg zu vergleichen ist, haben mich diese wichtigen Zeichen der Menschlichkeit als Stadtpräsident sehr stolz gemacht.

Zum Schluss ist es mir ein Anliegen, den Verantwortlichen des Museums im Zeughaus herzlich dafür zu danken, dass sie diesem wichtigen humanitären Akt der Schaffhauser Bevölkerung vor 100 Jahren eine spannende und interessante Sonderausstellung widmen. Das hilft nicht nur, die Erinnerung an diese herausragenden Leistungen wach zu halten, sondern auch dabei, unsere Sensibilität für das grosse Leid von Millionen von Flüchtlingen auf der ganzen Welt zu schärfen. Ich wünsche mir, dass uns das vorbildliche Verhalten unserer Vorfahren in den Jahren des 1. Weltkriegs wie dasjenige unserer Bevölkerung im Winter 2015 auch für die Zukunft Leitschnur sein wird, wenn es um Menschen geht, die Schutz vor Krieg und Verfolgung brauchen, ganz im Sinne von Johan Heinrich Pestalozzi, der meinte: Wahre Menschlichkeit ist köstlicher als alle Schönheit dieser Erde.


News
15.01.18
Stellungnahme zum Sicherheitszentrum im Kantonsrat
Ja aus der Sicht des ehemaligen Strafverfolgers und aus der Sicht der Stadt zum Neubau Sicherheitszentrum im Herblingertal
10.01.18
Parteiübergreifend geschätzt und respektiert
Gratulation des Stadtrats für den neuen Grossstadtratspräsidenten Rainer Schmidig an der Wahlfeier vom 09.01.2018
04.01.18
Eine lebendige Stadt ist nicht totenstill
Jahresinterview mit den Schaffhauser Nachrichten vom 04.01.2018
12.12.17
Sitzungsgelder gehören nicht in die Verfassung
Stellungnahme des Stadtrats zur Motion "Kommissionsentschädigungen und Sitzungsgelder - das letzte Wort hat das Volk" vom 12.12.2017 im Grossen Stadtrat
11.12.17
Höhepunkt einer erfolgreichen Parlamentskarriere
Kantonsratspräsidentenfeier im Park Casino für Walter Hotz vom 11.12.2017
Agenda

    Keine Einträge gefunden