26.01.2004 in den Schaffhauser Nachrichten
Die Bilder kamen lange immer wieder hoch
Täter die gefährlich erscheinen, werden bereits in der Strafuntersuchung begutachtet, sagt Untersuchungsrichter Peter Neukomm.

Schaff
hauser Nachrichten: Wo ist Roland Kübler heute?

Peter Neukomm: Roland Kübler ist nach seiner Verurteilung in die Nachfolgerin der ehemaligen Zürcher Strafanstalt Regensdorf, in die Kantonale Strafanstalt Pöschwies, gebracht worden. Er wurde ja im Dezember 1996 wegen mehrfachen Mordes (darunter an Dario 1993) und weiterer Delikte zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Die Strafe wurde dann aufgeschoben zugunsten einer Verwahrung. Er war ein Fall, der gemäss Artikel 43 des Strafgesetzbuches behandelt wurde.

Was besagt dieser Paragraf?

Neukomm: Ein Täter, der eine schwerwiegende Straftat begangen hat und bei dem aufgrund seines Geisteszustands eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht, dass er auch in Zukunft schwere Straftaten begehen wird, muss verwahrt werden, solange er eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt. Dies trifft auf Kübler zu. Er wurde als nicht therapierbar beurteilt. Trotzdem wird er im Vollzug psychologisch betreut.

Haben Sie noch Kontakt mit ihm?

Neukomm: Zuständig für ihn sind die Vollzugsbehörden, bei uns das Amt für Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Schaffhausen im Volkswirtschaftsdepartement. Ich selber habe keinen Kontakt mehr mit ihm. Nachdem ich die Untersuchung abgeschlossen und die Akten an den Staatsanwalt zur Anklage am Kantonsgericht weitergeleitet hatte, war der Kontakt beendet.

Interessiert Sie sein weiteres Schicksal trotzdem?

Neukomm: Sicher. Man will wissen, was mit einem Täter nach Abschluss des Falles passiert. Gerade hier, wo der Verurteilte als gefährlich und nicht therapierbar taxiert wurde. Ich bin aber überzeugt, dass er aufgrund des heute geltenden Vollzugsregimes im Strafvollzug wohl kaum je wieder entlassen werden kann. Denn gerade nach den Ereignissen (etwa bei Erich Hauert und Werner Ferrari) in den neunziger Jahren wurde als Konsequenz die Praxis beim Vollzug erheblich verschärft.

Warum denn?

Neukomm: Damals war die Praxis stark geprägt vom Resozialisierungsgedanken. So herrschte die Philosophie vor, fast jeder könne wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Weil auch lange nichts Schwerwiegendes passierte, geriet die Frage der Sicherheit der Öffentlichkeit vor gefährlichen Tätern ins Hintertreffen; erst die schlimmen Fälle riefen sie wieder ins Bewusstsein. Dabei ging es nicht um die gesetzlichen Grundlagen des Vollzugs, die waren ja vorhanden, sondern um deren Anwendung.

Was passierte denn seither im Bereich Vollzug?

Neukomm: Hier geschah vieles. Im Rahmen des Vollzugskonkordats der Kantone wurden die breit abgestützten Fachkommissionen geschaffen, welche auch nach wissenschaftlichen Methoden das Rückfallrisiko von gefährlichen Straftätern beurteilen. Sie sind bei wichtigen Entscheiden von den Vollzugsbehörden beizuziehen. Und bereits die Strafuntersuchungsbehörden müssen im Rahmen der Untersuchung eines Falles eine psychologische Begutachtung sowie eine Einschätzung der Gefährlichkeit von Tätern erstellen. Diese Einschätzung ist bei schwerwiegenden Delikten den Akten zuhanden der weiter mit dem Fall befassten Behörden - Staatsanwaltschaft, urteilende Gerichte, Vollzugsbehörden, Fachkommission - beizulegen. Diese erste Beurteilung der Gemeingefährlichkeit enthält Angaben über die begangenen Delikte und Haftgründe, das Vorleben, die Tatmotive und -umstände, die Täterpersönlichkeit und auch darüber, ob eine Tat im Rückfall oder während eines Urlaubs begangen worden ist.

Sie müssen also schon eine erste Begutachtung vornehmen?

Neukomm: Ja, vor allem bei schwerwiegenden Delikten und Zweifeln an der Zurechnungsfähigkeit des Täters resp. bei Hinweisen auf eine Gefährlichkeit zufolge einer psychischen Störung. Das Gutachten der Strafuntersuchung unterliegt wie jedes andere Beweismittel der freien richterlichen Beweiswürdigung durch das urteilende Gericht. Es ist nicht daran gebunden, wird aber nur in begründbaren Fällen davon abweichen. Im Fall Kübler habe ich sogar zwei psychiatrische Begutachtungen angeordnet. Die beiden Psychiater kamen zu unterschiedlichen Schlüssen bezüglich der Beeinträchtigung der Zurechnungsfähigkeit und damit der Schuldfähigkeit des Täters. Sie wurden dann beide zur Hauptverhandlung aufgeboten, damit sich das Gericht bei der Urteilsfindung von den zum Teil gegensätzlichen Argumenten ein Bild machen konnte. Das zeigt, dass die psychiatrische Beurteilung der Gefährlichkeit samt der damit verbundenen Rückfallprognose durch Experten keine exakte Wissenschaft ist, welche zu einer 100-prozentigen Sicherheit führt.

Wie haben Sie den Fall Dario mental bewältigt?

Neukomm: Ich war damals gerade zwei Jahre im Amt, und es war das erste Tötungsdelikt, das ich zu bearbeiten hatte. Die Tat geschah am 4. August 1993, im November 1995 war die Untersuchung abgeschlossen; das Gericht fällte sein Urteil am 15. Dezember 1996. Es war natürlich kein alltäglicher Fall. Vor allem die intensive Anfangsphase der Ermittlungen liess einem keine Zeit für die persönliche Verarbeitung. Gewiss war der Fund des Leichnams schauerlich gewesen: Die erste Legalinspektion mit dem Gerichtsmediziner fand nach Mitternacht am von Feuerwehrscheinwerfern beleuchteten Fundort des Leichnams von Dario, am Rande eines Maisfeldes bei Dörflingen, statt. Der erste Augenschein schockierte auch altgediente Polizisten, gerade weil ein unschuldiges Kind Opfer einer schlimmen Tat geworden war. Das motivierte aber auch alle an der Untersuchung Beteiligten extrem. Jeder war sich der grossen Verantwortung, die auf ihm lastete, bewusst. Die Erfahrung zeigt, dass man sich in solchen Momenten unbewusst eine Art Schutz zulegt, damit einem das Erlebte nicht zu nahe geht, nur um bestmöglich funktionieren zu können.

Wie lange ging Ihnen der Fall Dario nach?

Neukomm: Die Belastung kam mit der Zeit, insbesondere weil wir bei den Ermittlungen über Wochen fast nicht mehr weiterkamen. Denn Kübler hatte praktisch keine verwertbaren Spuren hinterlassen. Nachdem er einmal überführt war, fiel natürlich allen Beteiligten ein Stein vom Herzen. Allerdings kamen die Bilder auch danach eine Zeit lang danach hie und da noch hoch.

Gab es für Sie und die Polizei eine psychologische Betreuung?

Neukomm: Nein. Das war zu dieser Zeit nicht üblich, man war auch noch nicht so sensibilisiert in diesem Bereich. Heute wäre das wohl anders. Aber damals musste man allein damit fertig werden.

Würden Sie heute eine solche Betreuung anfordern?

Neukomm: Wohl ja; ich würde dies ins Auge fassen. Damals hatte man nur ein Ziel vor Augen: den Täter zu finden. Der Fall hatte übrigens weitreichende Auswirkungen und wurde für einen Dokumentarfilm verwendet. Denn der damals beteiligte Gerichtsmediziner hatte den Fall an einem Fachkongress in den USA vorgestellt, weil zur Aufdeckung des Verbrechens und zur Überführung des Täters unter anderem ein Algologie-Gutachten, das ich bei Biologen in Auftrag gegeben hatte, bedeutsam wurde. Dieses relativ neue Verfahren weckte das Interesse der Kriminalwissenschaft und auch einer amerikanischen Fernsehstation, die neue kriminologische Erkenntnisse fürs TV-Publikum populärwissenschaftlich aufarbeitet. Ich war anfangs etwas skeptisch, doch dann positiv überrascht über das, was das Fernsehteam daraus gemacht hatte.

Was war denn mit den Algen?

Neukomm: Aufgrund der gerichtsmedizinischen Untersuchung konnte festgestellt werden, dass Dario ertränkt worden war. Es stellte sich zuerst die Frage nach dem Tatort. Anhand von Algen aus dem Mund und aus der Lunge des Leichnams konnte über Gewässerproben der Mühlebach beim Neuparadies als Tatort bestimmt werden. Weil sich die örtliche Zuständigkeit bei der Strafverfolgung nach dem Tatort richtet, wurde aufgrund dieser Erkenntnisse mein thurgauischer Kollege vorübergehend für den Fall zuständig. Als sich dann herausstellte, dass der Täter auch den Mord am 14  Jahre alten Stefan Brütsch 11 Jahre zuvor im Kanton Schaffhausen begangen hatte, kam der Fall zu mir zurück. Die beim Opfer festgestellten Algenarten konnten später auch im Auto von Kübler, in dem er Dario nach der Tötung im Bach transportiert hatte, gesichert werden. Der Aufwand war enorm, weil Tatort und Fundort nicht identisch gewesen waren.

Standen Sie in Kontakt mit Darios Eltern?

Neukomm: Nein. Befragt hatte sie die Kantonspolizei Thurgau. Aufgrund ihres Wohnorts waren thurgauische Stellen für deren Betreuung zuständig, wie dies das Opferhilferecht vorsieht. Hingegen hatte ich Kontakt mit den Eltern von Stefan Brütsch, nachdem Kübler als Täter hatte überführt werden können.

Wie viele Fälle von Verwahrung gibt es im Kanton Schaffhausen?

Neukomm: In den letzten 15 Jahren hat es nur zwei Fälle gegeben; Kübler und 1989 ein Mann, der als Gewohnheitsverbrecher nach Art. 42 Strafgesetzbuch eingestuft wurde, weil man ihn innerhalb von wenigen Jahren immer wieder wegen Vermögens- und Betäubungsmitteldelikten verurteilen musste.

Wenn eine Ihnen nahe stehende Person Opfer eines schweren Verbrechens würde, wie reagierten Sie?

Neukomm: Die Frage ist so theoretisch wie schwierig. Ich weiss es auch nicht. Ich habe auch noch kleine Kinder und kann daher nachvollziehen, dass ein solches Delikt für Angehörige etwas vom Schlimmsten ist, was einem passieren kann. Begreiflich ist auch, dass Vergeltungsgedanken hochkommen. Ich verstehe daher auch die Anliegen jener, die die Verwahrungs-Initiative unterschrieben haben. Dass sie für einen besseren Schutz der Öffentlichkeit vor gefährlichen Gewalt- und Sexualverbrechern kämpfen. Denn es besteht hier ein begründeter Anspruch an den Staat. Ich bin aber überzeugt, dass die Revision des Strafgesetzbuches, die in Kürze in Kraft treten wird, der sinnvollere und erfolgversprechendere Weg ist als der Vorschlag der Initianten. Die von Bundesrat und Parlament verabschiedete Lösung beinhaltet ein umfassendes, effizientes Massnahmenpaket gegen Täter, die schwere Straftaten begangen haben. Sie geht in einigen Punkten sogar weiter als die Initiative, indem sie die Möglichkeit der Verwahrung nicht nur für eine kleine Minderheit psychisch gestörter Täter, sondern auch für gefährliche Täter ohne psychische Störung zulässt.


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