Nein zu anonymisiertem Bewerbungen von Lernenden

Stellungnahme des Stadtrats zur Interpellation Andi Kunz im Stadtparlament

Mit der Interpellation vom 18. Mai 2010 stellt Grossstadtrat Andi Kunz unter dem Titel „Für mehr Chancengleichheit auf dem Lehrstellenmarkt dank anonymisierten Lehrstellenbewerbungen“ 7 Fragen zur Rekrutierung von Lernenden in der Stadt Schaffhausen.In der Stadtverwaltung findet die Lehrlingsrekrutierung in den verschiedenen Abteilungen statt. Die Anforderungen an die Lernenden sind aufgrund der grossen Vielfalt der städtischen Arbeitsplätze sehr unterschiedlich.Jeder Jugendliche soll eine Chance haben, eine seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechende Lehre absolvieren zu können. Keiner soll wegen seiner Herkunft oder wegen seines Geschlechts benachteiligt werden. Gemäss dem kant. Berufsinformationszentrum gibt es auch in Schaffhausen einzelne Jugendliche ausländischer Herkunft, die noch keine Lehrstelle gefunden haben, was sehr bedauerlich ist. Dass es für Lehrstellenbewerber ausländischer Herkunft auf dem Arbeitsmarkt schwieriger ist, einen attraktiven Ausbildungsplatz zu finden, ist leider nicht ganz von der Hand zu weisen. Dabei spielt auch ihre soziale Herkunft eine wesentliche Rolle. Sie entstammen häufiger bildungsfernen Schichten und bringen deshalb einen weniger gut gefüllten Bildungsrucksack mit. Um die Startchancen solcher Jugendlichen zu verbessern gibt es verschiedene Möglichkeiten. Dazu gehören zum Beispiel die Frühförderung, integrative Angebote, Tagesstrukturen in der Volksschule etc. oder die Brücken- und Integrationsangebote des Kantons (boa, Sprungbrett).

Der Stadtrat nimmt zu den Fragen wie folgt Stellung:

1.    Wie hoch ist der Anteil ausländischer und weiblicher Lehrlinge an der Gesamtzahl in der Stadtverwaltung beschäftigter Lehrlinge?

Von den 88 Lernenden haben 10 eine ausländische Nationalität, die übrigen besitzen einen CH-Pass. Von diesen 78 Lernenden tragen 15 einen Namen der auf eine ausländische Herkunft schliessen lässt.
Von den 88 Lerndenden sind 52 weiblich, von den 10 ausländischen Lernenden sind 8 weiblich. Gewisse städtische Abteilungen haben heute Mühe, männliche Lernende zu finden.

2.    In welchen Bereichen (Lehrgänge, Ämter) sind ausländische / weibliche Lehrlinge angestellt (absolute Zahlen und Anteile)?

Im letzten Lehrjahr (09/10) waren in folgenden Ämtern ausländische Lernende angestellt:

Altersheim am Kirchhofplatz

  • Koch
  • Fachmann/Fachfrau Betriebsunterhalt

Altersheim Steig

  • Fachangestellte/r Gesundheit
  • Hauswirtschaftspraktiker/in
  • Pflegeassistent/in

Altersheim Wiesli

  • Fachfrau/Fachmann Hauswirtschaft
  • Pflegeassistent/in

Künzle Heim und Huus Emmersberg

  • Hauswirtschaftspraktiker/in

Stadtverwaltung (das Amt wechselt jährlich)

  • Kauffrau / Kaufmann 2 Personen

Die 8 weiblichen Lernenden verteilen sich auf die vorerwähnten Abteilungen. Ausserdem sind in den folgenden Abteilungen Lernende beschäftigt, deren Nachnamen auf eine ausländische Herkunft schliessen lassen:

Kinderkrippe Forsthaus, Städtischer Schülerhort, Altersheim Wiesli, Stadtverwaltung, Städtische Werke, Altersheim am Kirchhofplatz.

3.    Wie haben sich die aus Frage 1 und 2 gewonnenen Zahlen in den vergangenen 10 Jahren entwickelt?

Die Zahl der ausländischen Lernenden hat in der Stadt Schaffhausen in den letzten Jahren zugenommen. Dies hat sicherlich auch mit der Erhöhung der Anzahl der Lehrstellen und der Breite des Lehrstellenangebotes zu tun (z.B. Fachfrau / Fachmann Hauswirtschaft, Erweiterung der Pflegeberufe, Landschaftsgärtner etc.). Es wird laufend geprüft, ob zusätzliche Angebote eingeführt werden können. Die Lehrlingsbetreuung bedarf aber generell nicht unerheblicher personeller Ressourcen, was im Widerspruch steht zu den Bemühungen der Politik, den Personalbestand auf das nötigste Minimum zu reduzieren.
Im August 2001 haben 53 Lernende, davon 3 mit ausländischer Nationalität, die Lehre bei der Stadt begonnen. Im August 2009 waren es bereits 88 Lernende.
Auch das Angebot an Anlehren, z.B. im Bereich Hauswirtschaft oder in der Gärtnerei, ist kontinuierlich erhöht worden. Nach diesen Anlehren haben die Lernenden bei gegenseitigem Interesse in der Regel die Möglichkeit, eine Ausbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszertifikat oder eidgenössischem Berufsattest in der Stadt zu absolvieren.

4.    Nach welchen Regeln, Prinzipien und Abläufen erfolgt die Lehrlingsselektion in der Stadtverwaltung?

Bei der Selektion werden primär die Fähigkeiten, die Motivation und die Sozialkompetenzen der Lernenden gewichtet. Um den Interessentinnen und Interessenten die Berufe näher zu bringen, werden Informationsnachmittage durchgeführt.
Bei den Bewerbungsdossiers wird im Besonderen auf die Motivation, die Schulnoten und die dem Beruf entsprechend stufengerechten Anforderungen geachtet. In den meisten Fällen können die Interessentinnen und Interessenten eine Schnupperlehre absolvieren. Dies soll beiden Parteien bei der Entscheidfindung helfen.
In den Bereichen der kaufmännischen Ausbildung oder bei den Fachleuten Information und Dokumentation findet über die gemeinsame Organisation lea.sh eine enge Zusammenarbeit mit dem Kanton statt. Bei den Kaufleuten werden in der Regel keine Schnupperlehren durchgeführt. Stattdessen werden die Jugendlichen während eines halben Tages von Personen aus der Verwaltung beim Lösen von verschiedenen Aufgaben beobachtet. Auf diese Weise können das Gruppenverhalten sowie sonstige für die Lehrstelle wichtigen Eigenschaften der Bewerberinnen und Bewerber besser erkannt werden.
Bei der Rekrutierung geht es also nicht nur darum, die besten Schulabgänger zu finden, sondern diejenigen, die am besten ins berufliche Umfeld der entsprechenden Ausbildung passen.

5.    Welche Massnahmen treffen die für die Lehrlingsselektion verantwortlichen Stellen, um Benachteiligungen beispielsweise bezüglich der Herkunft und des Geschlechts der Bewerbenden zu verhindern?

In der gesamten Stadtverwaltung sind Mitarbeitende verschiedener Nationalitäten beschäftigt, was als grosse Bereicherung angesehen wird. 
Bei der Rekrutierung der Lernenden sind weder Geschlecht noch Herkunft entscheidend. Im Zentrum steht die Person mit ihren Fähigkeiten, Neigungen, Sozialkompetenzen und ihrer Motivation.
Getreu dem Legislaturziel Ziff. 7.6 „Die Stadt Schaffhausen ist eine attraktive Arbeitgeberin und wichtige Ausbildnerin von beruflichem Nachwuchs“ ist die Stadt bestrebt, als Ausbildnerin eine Vorbildrolle zu übernehmen und versucht auch immer wieder durch zusätzliche Angebote diesen hohen Ansprüchen gerecht zu werden.

6.    Wie steht der Stadtrat zur Einführung eines anonymen Bewerbungsverfahrens in der Stadtverwaltung?

Die schweizerische Rechtsordnung kennt kein allgemeines, für Private wie für staatliche Instanzen geltendes Gleichbehandlungsgesetz, welches insbesondere das Bewerbungsverfahren regeln würde.
Aufgrund des Diskriminierungsverbots von Art. 3 des Bundesgesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann dürfen jedoch Arbeitnehmende nicht wegen ihres Geschlechts benachteiligt werden. Staatliche Instanzen sind darüber hinaus gemäss Art. 8 Abs. 2 BV zur Gleichbehandlung verpflichtet. Dieses Gleichbehandlungsgebot gilt auch bei der Rekrutierung von Lernenden. Stellenbewerber haben also ein Recht auf Gleichbehandlung, unabhängig ihrer Herkunft.
Als Gemeinwesen kann es sich die Stadt nicht leisten, dem Gleichbehandlungsgebot nicht nachzuleben. Bei der öffentlichen Hand haben also alle Jugendlichen die gleichen Chancen, eine Lehrstelle zu erhalten. Herkunft oder Geschlecht spielen keine Rolle. Die Stadt und im Speziellen der mit der Lehrlingsbetreuung betraute Personaldienst lebt diesen Grundsätzen sehr getreu nach. Der Stadtrat ist deshalb überzeugt, dass es bei der Stadt kein anonymes Bewerbungsverfahren braucht, um die Chancen Jugendlicher ausländischer Herkunft auf eine Lehrstelle zu verbessern.
Hinzu kommt, dass die breite Palette der Ausbildungsangebote der Stadt auch Jugendlichen Möglichkeiten bietet, welche auf dem sonstigen Lehrstellenmarkt weniger gute Chancen haben.
Gegen eine anonymisierte Lehrstellenbewerbung spricht der grosse administrative Aufwand, welcher erhebliche personelle wie finanzielle Ressourcen absorbiert. Dies wird auch in der vom Interpellanten erwähnten Studie des KV Schweiz als negativer Punkt erwähnt.

7.    Wie beurteilt der Stadtrat die Einführung einer Online-Bewerbungsplattform nach dem Vorbild des Pilotprojekts des KV Schweiz, an der sich auch private Lehrbetriebe beteiligen können?

Die Einführung einer Online-Bewerbungsplattform nach dem Vorbild des KV-Pilotprojekts ist für den Stadtrat zur Zeit kein Thema, nicht zuletzt auch, weil der Kanton kein Interesse daran zeigt und es keinen Sinn machen würde, hier ohne Koordination mit der lea.sh, d.h. der gemeinsamen Ausbildungsorganisation mit dem Kanton, aktiv zu werden.
Der Stadtrat ist der Ansicht, dass die Nutzung dieses Instruments für die Stadt auch aus anderen Gründen keine Option darstellt:

  • Mehrere Rekrutierungs- und Informationskanäle führen zu Zeitverlust und Unübersichtlichkeit, etwa weil sich die gleichen Jugendlichen auf mehreren Kanälen bewerben.

  • Schüler/innen aus Schultypen mit geringen Anforderungen waren auf der erwähnten Bewerbungsplattform untervertreten. Gerade hier sind ausländische Jugendliche aber von Diskriminierung eher betroffen und wären auf den Nutzen einer solchen Plattform angewiesen, um in der Phase der Vorselektion eine faire Chance zu erhalten. Wie aus den Studien des KV Schweiz hervorgeht, wurde das anonymisierte Bewerbungsverfahren vor allem bei den Kaufleuten genutzt. Der administrative Aufwand war aber wesentlich höher als beim traditionellen Verfahren.

  • Mangels besserer Grundlagen stützt sich auch die Plattform des KV Schweiz auf Schultyp und Zeugnisnoten ab und ist daher für die damit verbundenen Probleme „blind“.

  • Beim Berufsinformationszentrum (BIZ) existiert eine zentrale Anlaufstelle für Jugendliche auf Lehrstellensuche. Dort treffen die Meldungen über offene Lehrstellen ein und die Jugendlichen werden beratend unterstützt. Die Webseite des BIZ ist ausserdem äusserst informativ und es besteht auch die Möglichkeit, online nach Lehrstellen zu suchen.

  • Im Vergleich zum anonymisierten Bewerbungsverfahren auf einer Online-Bewerbungsplattform kann bei einer herkömmlichen Bewerbung besser auf die eigenen Stärken und die Anforderungen der ausgeschriebenen Stelle eingegangen werden. Bei einer Online-Bewerbungsplattform verlieren die Bewerberinnen und Bewerber die Möglichkeit der individuellen Gestaltung. Auch würde das Motivationsschreiben an Bedeutung verlieren.

  • Ein weiteres Problem bei der anonymisierten Bewerbung stellt die Zugänglichkeit respektive die Verfügbarkeit von EDV-Angeboten dar. Es kann nicht vorausgesetzt werden, dass alle Bewerberinnen und Bewerber in allen Berufsgattungen über einen Internetanschluss und das für eine Online-Bewerbung notwendige Wissen verfügen.

Fazit:
Bei der Stadt Schaffhausen haben alle Lernenden die gleichen Chancen auf eine Lehrstelle, auch ohne anonymisiertes Bewerbungsverfahren. Der zusätzliche Aufwand finanzieller wie personeller Art für ein solches neues Instrument steht in keinem Verhältnis zur damit erzielbaren Wirkung. Ein Alleingang der Stadt ohne den Kanton resp. die Beteiligung der lea.sh macht keinen Sinn. Zudem bringt das Onlinebewerbungsverfahren nicht nur Vorteile. Es ist deshalb auch bei Berufsbildungsinstitutionen nicht unumstritten. Die bisherigen Bewerbungsverfahren stellen eine gute Vorbereitung auf den Einstieg in die Berufswelt dar und decken die Bedürfnisse von Lehrstelleninteressenten wie der Stadt als Ausbildnerin ab.
Aus den genannten Gründen lehnt der Stadtrat die anonymisierte Rekrutierung über Onlineplattformen für Lehrstellen bei der Stadt ab.


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