Liebe Anwohnerinnen und Anwohner, geschätzte Gäste

Ich begrüsse Sie im Namen des Stadtrats ganz herzlich zur Umbenennungsfeier des Platzes, einem Ort notabene, der bisher keinen Namen trug. Das war vor allem Besuchern unserer Stadt immer schwierig zu erklären. Die Zeit der Namenlosigkeit hat nun ein Ende: Der Platz bekommt den Namen des bekanntesten Politikers Schaffhausens im 20. Jahrhundert, dem im Jahre 1965 das Ehrenbürgerrecht verliehen wurde und zwar «in Anerkennung der grossen Verdienste um die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Stadt».

Die Idee, den Platz in Walther-Bringolf-Platz umzubenennen, ist ja nicht neu. Der Stadtrat hat sich bereits im Mai 1995, also vor 25 Jahren, mit der Frage beschäftigt, hat jedoch nach einem Vernehmlassungsverfahren unter den Anwohnerinnen und Anwohnern auf eine Umbenennung verzichtet. Ausschlaggebend für den Entscheid seien unter anderem auch die geteilten Meinungen in der Bevölkerung gewesen. Für mich war das damals nicht nachvollziehbar und eine grosse Enttäuschung, zumal ich Walther Bringolf noch persönlich kennenlernen durfte, weil mein Vater ja ein sehr enges Verhältnis zu ihm verband.

Es war für mich nie plausibel, weshalb Strassen und Plätze nach erfolgreichen Unternehmern oder Wissenschaftlern benamst werden konnten, nicht aber nach verdienten Politikern, arbeiten diese doch von Amtes wegen tagtäglich im Dienste der Allgemeinheit. Unsere Nachbarländer haben da weniger Hemmungen. Und das hat nichts mit Personenkult zu tun, sondern damit, dass wir auf diese Weise Dankbarkeit und Respekt gegenüber historisch wichtigen Personen zeigen, denen unsere Stadt viel zu verdanken hat.

Im Zusammenhang mit dem Gedenken an den 75. Jahrestag der Bombardierung von Schaffhausen vom 1. April 1944, bei der sich Stadtpräsident Walther Bringolf als souveräner Krisenmanager bewährt hatte, wurde die Idee nach einer Umbenennung des Platzes in den hiesigen Medien wieder aufgegriffen.

Diverse Schaffhauserinnen und Schaffhauser exponierten sich öffentlich dafür. Auch bei der Internationalen Bachgesellschaft stiess die Idee auf positives Echo. Zudem hatte sich der Stadtrat im Hinblick auf die Beantwortung der Kleinen Anfrage «Strasse oder Platz zu Ehren Hermann Schlatter, Stadtpräsident 1918-1919» von Grossstadtrat Urs Tanner erneut mit der Frage der Umbenennung des Platzes zu befassen. Und dabei kam er zum Schluss, den Platz nach Walther Bringolf zu benennen.

Walther Bringolf wurde am 1. August 1895 in Lörrach geboren und verstarb am 24. März 1981 in Schaffhausen. Er war – wie ich und übrigens auch sein Vorgänger Hermann Schlatter – Bürger von Hallau.

Von 1932 bis 1968 amtierte er als Stadtpräsident, von 1925 bis 1972 als Kantonsrat und von 1925 bis 1971 als Nationalrat. Diesen präsidierte er 1961. 1952 – 1962 stand er der SP Schweiz als Parteipräsident vor. 1959 verpasste er als offizieller Kandidat der SP die Wahl in den Bundesrat.

Während seiner Zeit als nationaler Parlamentarier galt er als einer der wichtigen Meinungsmacher unter der Bundeshauskuppel und als einer der wenigen Schweizer Politiker, die auch europäisch Bekanntheit erlangten.
In seiner 36-jährigen Amtszeit als Stadtpräsident spielte er also nicht nur in Schaffhausen eine herausragende Rolle, sondern auch auf kantonaler wie auf Bundesebene.
Die Basler Zeitung schrieb im März 1981 in ihrem Nachruf:
«Kein Mensch kann bestreiten, dass Walther Bringolf zu den Ausnahmeerscheinungen der Bundespolitik in diesem Jahrhundert gehört und in den Dreissiger Jahren zu einer Schlüsselfigur des demokratischen Widerstands wurde».

Über die enge Verbundenheit von Walther Bringolf mit seiner Heimatstadt hielt Alt-Nationalrat Helmut Hubacher im Vorwort zur Biografie von Walter Wolf folgendes fest:
«In der Kleinstadt Schaffhausen fühlte sich Walther Bringolf aufgehoben und geborgen, sie bildete in seinem ständigen Unterwegssein den festen Ankerplatz. Seiner kleinen Stadt gehörte die grosse Liebe. Er war stolz auf ihre Menschen. Er freute sich über den guten Ruf der Munotstadt». 

Eine Auflistung all seiner Erfolge und Verdienste würde den Rahmen des heutigen Anlasses sprengen, weshalb ich mich auf einige wichtige Punkte konzentriere:
Walther Bringolf hat – zusammen mit dem Stadtrat – wirksam und zukunftsträchtig auf die Herausforderung der grossen Arbeitslosigkeit der 30-er Jahre mit Notstandsmassnahmen reagiert und damit viel Elend verhindert.
Zur gleichen Zeit resp. während dem 2. Weltkrieg war er einer der prominentesten Kontrahenten der Frontisten in der Schweiz. So trat er nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland als Förderer des Zürcher Schauspielhauses auf, der letzten grossen Bühne im deutschsprachigen Raum, auf der noch das freie Wort galt. Dieses honorierte das Engagement Bringolfs nach dem Krieg bis in die 70-er Jahre regelmässig mit hochkarätigen Gastspielen im Stadttheater Schaffhausen.

Als Stadtpräsident einer Grenzstadt sich dezidiert gegen die Nazis zu exponieren, war nicht selbstverständlich und sehr mutig, denn ihm war klar, dass er bei der Gestapo zuoberst auf der Fahndungsliste figurierte und Schaffhausen im Falle eines deutschen Angriffs kampflos preisgegeben worden wäre. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch seine grossen Verdienste, die er sich in den Kriegsjahren als Fürsprecher für Flüchtlinge aus Deutschland erworben hat. Für viele bedeutete das die Rettung vor dem sicheren Tod.  Seine herausragenden Leistungen als Organisations- und Improvisationstalent nach der Bombardierung von Schaffhausen vom 1. April 1944 wurden anlässlich des Jahrestags vom 1. April 2019 einlässlich gewürdigt.

Nach dem Krieg machte unsere Stadt eine rasante Entwicklung zu einem wichtigen Industriestandort durch. Hierbei spielte Walther Bringolf eine bedeutende Rolle. Mit dem Ausbau des Güterbahnhofs, der Eingemeindung von Herblingen, dem systematischen Aufkauf von Land im Herblingertal und dessen Erschliessung als Industriezone sowie mit dem Bau des Rheinkraftwerks wurden wichtige Weichen gestellt.
In seine Amtszeit nach dem Krieg fallen zudem zahlreiche wichtige Bauvorhaben, von denen die Schaffhauser Bevölkerung noch heute profitiert, wie die Kläranlage Röti, das Gelbhausgartenschulhaus, die Turnhallen Emmersberg, die Restaurierung des Münsters, das Museum zu Allerheiligen oder der Neubau des Stadttheaters.

Bekannt war Walther Bringolf auch als «Kulturförderer Schaffhausens».
Der kulturelle Input, den er seiner Stadt vermittelte, war beachtlich: Für seine Amtszeit stehen nicht nur das Museum zu Allerheiligen und der Neubau des Stadttheaters. Er initiierte grosse Kunstausstellungen und die Internationalen Bachfeste.
Erwin Waldvogel schrieb im Nachruf der NZZ vom 26. März 1981 dazu:
«Die Folge der Bach-Feste und die grossen Kunstausstellungen verschafften der Stadt, ihrem Namen und ihren politischen Repräsentanten eine Präsentation und ein Publizität, um die sie viele grössere Städte und deren Behörden beneideten».

Ich komme zum Schluss: Bei all diesen Verdiensten und Errungenschaften muss fairerweise auch erwähnt werden, dass Walther Bringolfs langjähriges, erfolgreiches Engagement für seine Stadt und deren Bevölkerung in dieser Form nicht ohne seine Mitstreiter im Stadtrat und ohne die Mitarbeitenden der Stadt möglich gewesen wären. Ihnen gebührt deshalb an dieser Stelle auch ein grosser Dank.

Im Stadtratsbeschluss vom 30. April 2019 heisst es:
«In Anbetracht des ausserordentlich erfolgreichen Wirkens Walther Bringolfs für sein Schaffhausen über einen sehr langen Zeitraum hinweg erscheint eine Würdigung durch Benennung eines Platzes mit seinem Namen als angezeigt».
Und nachdem Walther Bringolf als Volkstribun und hervorragender Rhetoriker hier auf dem Platz diverse seiner denkwürdigen Reden hielt, erscheint dieser Ort für diese Umbenennung prädestiniert.